Kybernethisches Coachingmodell

Filed under: Allgemein — andreas.mertens November 12, 2009 @ 4:34 am

Manchmal geschehen wunderbare Dinge! So auch heute. Dank eines Twitterstreams zwischen mir, @jeanpol und @MatthiasHeil, ist es mir gelungen, intuitive und teilweise unbewusste Prozesse in meiner Funktion als Coach endlich explizit zu machen. Es ist manchmal nicht einfach, wenn man etwas bewirken kann ohne es erklären zu können. Dank Jeanpol und MatthiasHeil kann ich mein Coachingmodell endlich, zumindest teilweise, Explizit machen. ich bedanke mich bei @jeanpol und @MatthiasHeil als Impulsgeber und “Geburtshelfer” folgender Gedanken:

Im Zentrum meines Coachingansatzes liegt der Lernprozess meines Klienten/Coachee. Der Lernprozess soll meinen Coachee befähigen, sowohl adhoc in Situationen als auch langfristig seine Handlungsoptionen und Handlungsfähigkeit zu maximieren. Ich Unterscheide hier bewußt, da die Verfügbarkeit von vielen Handlungsoptionen nicht gleichbedeutend ist mit Handlungsfähigkeit. Die Handlungsfähigkeit ist, die Handlungsoptionen auch tatsächlich “ausspielen” zu können! Aus einer faktisch, theoretischen Handlungsoption wird eine praktisch anwendbare Handlungsoption.

Wie der kybernetisch geschulte Leser herausliest, geht es hier u.a. um den ethischen Imperativ von Heinz von Foerster. Das zu leben ist nicht immer einfach, denn wer viele Handlungsoptionen hat die “Qual der Wahl” und kann auch “falsch” handeln. Zudem steht man leicht zwischen folgenden Polen:

  1. Komplexitätserhöhung vs. Komplexitätsreduktion
  2. Spezialistentum vs. Generalistentum
  3. kurzfristige Angelegenheiten (Gegenwart) vs. langfristigen Denken (Zukunft)
  4. spontanen/intuitiven Handeln vs. struktruierten, kontrollieren und geplanten Handeln

Meine Antwort auf die Frage, für welche Seite ich mich entscheiden soll lautet: für keine von Beiden. Der beste Weg ist der Weg der goldenen Mitte. Das heißt, dass es zu lernen gilt, zwischen diesen beiden Polen oszillierend zu “atmen”. Es geht quasi darum, die Entscheidungsfertigkeit zu erlangen, wann zeitlich welcher “Pol” für mich der Richtige ist. Und gleichzeitig ist dieses “oszilieren” zwischen den Polen als kontinuierlicher Prozess zu sehen, den es zu erlernen gilt. Daraus folgt:

  1. die Ausprägung mehrerer Spezialisierungen
  2. die Ausprägung einer ganzheitlich, holistischer und interdisziplinärer Sichtweise
  3. Die Möglichkeit der leichten Vernetzung von Spezialisierungen
  4. Breite personelle, interdisziplinäre Vernetzung und daraus weitere Handlungsoptionen
  5. Übertragung von Know-how aus dem Spezialwissen 1 in Spezialwissen 2
  6. Entwicklung einer persönlichen breiten Wahrnehmungssensorik, die befähigt, frühe Signale zu erkennen
  7. die Fertigkeit, schnell neue Spezialisierungen zu erwerben
  8. eine hohe Unabhängigkeit und eine hohe Flexibilität, um sich schnell auf Neues einzustellen
  9. die Fertigkeit, durch Kreativität und Bodenhaftung, neue Ideen und Produkte zu entwickeln

Der Leser möge mir die nicht ganz saubere Unterscheidung von Fähigkeit und Fertigkeit verzeihen. Ich selbst bin mit diesen Begriffen nicht ganz glücklich, da für mich konkrete handelbare Möglichkeiten eigentlich das Wichtige sind.

Für mich bin ich in diesem Reflexionsprozess meiner eigenenb Definition für Kybernetik näher gekommen:

Die Kybernetik ist für mich das “oszillierende” Atmen zwischen der Kybernetik erster und zweiter Ordnung. Die Kybernetik 1. Ordnung dient der Komplexitätsreduktion und damit der Handlungsfähigkeit in der Gegenwart. Die Kybernetik 2. Ordnung im konstruktivistischen Sinne dient der Vernetzung und der Erhöhung der Komplexität, der Sinnstiftung und der Akzeptanz der Ohnmacht, dass wir die Welt als einzelnes Individuum nicht kontrollieren können. Sie dient aber gleichzeitig dafür, die kollektive, übersummative Intelligenz im Netzwerk zu nutzen.

Peter Kruse würde es vielleicht als richtigen Mix von “Old School” und “New School” bezeichnen?


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